
Zusammengefasst: der Toast Hawaii war für die Masse des Mittelstands gedacht, der sich niemals einen Concorde-Flug und einen Urlaub im Pazifik leisten konnte oder wollte. Diesen Speisen waren also ein Probefläschchen mit Luxusparfüm, das einfache Menschen in den Glauben versetzte, sie seien nun im Kreis der Wohlhabenden angekommen.
Ich bin in den 1970er- und 80er-Jahren aufgewachsen. Jenseits von Essen ist meine vorherrschende Erinnerung die Farbe orange – Schulranzen – orange, Ski – orange, endlich einen Plattenspieler bekommen – oh, nein orange. Das Cover dieses Buches hier spiegelt diese Farbvorliebe ja schon gut wieder, mal sehen, ob es auch in kulinarischer Hinsicht mit meinen Erinnerungen mithält.
Geschrieben hat das Buch Thomas Ortler: er schloß erst ein Studium als Sozialhistoriker ab, bevor sich dem Kochen widmete. Er arbeitetete unter anderem bei Konstantin Filippou und Paco Pérez und führt seit 2018 das innovative Restaurant »flurin« und seit 2024 das Wirtshaus Steinbock in Südtirol. Neben Kreativität sind ihm Regionalität, Nachhaltigkeit und Konsumethik besonders wichtig. Nun ist Thomas Ortler allerdings 1993 geboren; die Idee zum Buch stammt vom Fotografen Udo Bernhart, der 1970 14 Jahre alt war.
Warum ist ist Thomas Ortler drauf angesprungen? Weil er das als Koch und Historiker spannend fand. Er legt ja Wert auf Regionalität und Nachhaltigkeit und der Überkonsum und die Convenience-Begeisterung dieser Zeit ist das Gegenteil davon – dem geht er mit diesem Buch auf den Grund.
Entsprechend sind die Rezepte eingebettet in Kapitel, die die wichtigsten Aspekte dieser Zeit herausstellen: da geht es um Musik, Ernährungstrends, Fitness, gesellschaftlichen Aufbruch, Reisen, Konsum und Trends in Technik und Mode.
Ich greife mal das Reisekapitel heraus, da geht es nämlich um die oben zitierte Ananas; unter anderem. Der durchschnittliche Urlaubanspruch stieg, wobei der Durchschnittbürger eher nicht so weit reiste – Italien, Spanien oder Griechenland mit dem Auto waren eher Durchschnitt als Flugreisen. Parallel dazu entwickelte sich der Rucksack-Tourismus. Und wenn man kein Geld hatte, in exotische Fernen zu fliegen, ersetzte eben die Dosenananas das Urlaubsgefühl, in diesem Kapitel vertreten mit drei verschiedenen Hawaii-Varianten (Pizza, Toast, Schnitzel), es gibt außerdem Fajitas, Lachstatar mit Avocado und Piña Colada. Und immer auch einen gesellschaftlichen und historischen Zusammenhang mit wirklich lesenswerten Texten: klug, pointiert, unterhaltsam und sehr subjektiv. Ich habe nicht nur viel gelernt, sondern auch oft und herzlich gelacht.
Die Rezepte sind behutsam modernisiert – der Toast Hawaii kommt ohne Belegkirsche aus; statt dessen gibt es Kirschtomate, der Nacho-Dip setzt auf guten Käse statt Scheibletten – und mit überall erhältlichen Zutaten gut umsetzbar; ich hatte keine Schwierigkeiten und viel Spaß.
Das Cover ist ja leicht psychedelisch, und diese Optik setzt sich im Buch fort – da gibt es einerseits klassische Foodfotos, aber gerne auch Bilder in Umkehrfarben, es Thomas Ortler kommt vor, oft, und zwar in bunten Hemden und mit Stirnband – es ist ebenso herausfordernd wie lustig.
Schon mal ausprobiert:

Thomas Ortler ist sich recht sicher, dass in den klassischen Käsedips, die es im Kino gibt, gar kein Käse drin ist – in diesem hier schon, und zwar guter, und das schmeckt man: der Dipp besteht aus Weichkäse, Parmesan, Milch und Sahne und für die Farbe sorgt etwas Paprikapulver.

Endlich weiß ich, warum der italienische Salat, der ganz sicher nicht italienisch ist, so heißt: in Italien heißt der Salat aus Karotte, Sellerie, Kartoffeln und Erbsen mit seinem Mayonnaise-Dressing „ensalada rusa“; das „italienisch“ kommt daher, dass er in den ersten „deutschen“ Pizzerien der 1960er und -70er Jahre serviert wurde.

Die russischen Eier sind eine echte Kindheitserinnerung, die gab es bei uns zum Abendbrot, wenn es mal was Besonderes sein sollte. Die Füllung aus den Eigelben, Mayonnaise und etwas Worcestershiresauce deckt sich mit meinen Erinnerungen. Bei uns kam da immer noch etwas „deutscher Kaviar“ drauf – darauf habe ich gern verzichtet.

Die Götterspeise wird aus Waldmeistersirup und Gelatine selbst gemacht, und als Kind der 70er muss ich gestehen, dass das nicht ganz mit dem Original aus der Tüte mithalten kann. So zerfranst ist das bei mir, weil ich Silikonförmchen benutzt habe, das war nicht meine beste Idee.

Kochen mit Obst, Teil I: gebratenes Kotelett mit Birne und Salbeibutter, das war schlicht und ergreifend gut.

Fischstäbchen, nicht vom Käpten, sondern selbst gemacht. Dazu gibt es Sauce Tartar und Kartoffelsalat. Ich mochte besonders den Salat, für den die Kartoffeln im Dressing fertig gegart werden – das werde ich dauerhaft übernehmen.

Kochen mit Obst, Teil II: das ist Curry-Putengeschnetzeltes mit einer süßen Note, die von Obstcocktail aus der Dose kommt. Der Cocktail landete bei uns nie in herzhaften Gerichten, sondern immer auf Obstkuchen; das würde ich heute nicht mehr machen. In die Currysauce passt das Obst aber richtig gut.
Fazit:
Das ist ein Buch, das richtig Spaß macht. Dafür sorgen neben den behutsam modernisierten Rezepte auch die kenntnisreichen, interessanten Texte und Hintergrundinformationen.
- Herausgeber: Christian Verlag
- Sprache: Deutsch
- Gebundene Ausgabe, 208 Seiten
- ISBN: 978-3989510791
- € 29,99
