
Helen Goh kam als Kind chinesischer Eltern in Malaysia zur Welt. Als sie elf Jahre alt war, wanderte die Familie nach Australien aus. Sie studierte dort Psychologie und arbeitete zunächst als Pharmareferentin, fühlte sich aber fehl am Platze. Sie merkte, dass ihr Backen über ihre Unsicherheit hinweg half, auch, weil das eine Tätigkeit war, in der sie ganz aufging. In der Folge führte sie drei Jahre lang mit ihrem Freund ein Café und lernte anschließend in verschiedenen Restaurants die Patisserie von der Pieke auf – von der Psychologie konnte sie aber auch nicht lassen. Dieses „Doppelleben“ setzte sie auch in London fort, wo sie nicht nur für Ottolenghi arbeitet und bereits zwei Bücher mit ihm verfasst hat, sondern auch eine Pychotherapiepraxis aufbaute und promovierte. Dieses Buch ist das erste, das sie alleine geschrieben hat und sie möchte uns damit erklären, wie einem Backen helfen kann, das Leben zu meistern.
Entsprechend hat sie ihre Rezepte nach Tätigkeiten bzw. Lebensituationen strukturiert: in den Kapiteln Geben, Nehmen und Teilen, Umsorgen, Feiern, Erinnern und Bewahren, Gemeinschaft und Zugehörigkeit, Rituale und Traditionen sowie Lernen, Wachsen und Erfolge feiern gibt es 100 sehr unterschiedliche Rezepte: Kuchen, Torten und Kekse, aber auch Brote und Snacks sowie herzhafte Gebäcke, die als Mahlzeit durchgehen.
Zu jedem Kapitel gibt es erst mal eine Einführung, die uns erklärt, was das jeweilige Thema für unser Leben bedeuten, dann geht es an die Rezepte. Ich greife als Beispiel einfach mal das Kapitel „Gemeinschaft und Zugehörigkeit“ heraus: wir alle gehören, mal freiwillig oder nicht, verschiedenen Gemeinschaften an. Die Zugehörigkeiten ändern sich im Laufe des Lebens und manchmal muss man eine Gemeinschaft auch verlassen, weil es einfach nicht mehr passt; Religionsgemeinschaften sind da ein gutes Beispiel. Meist aber suchen wir Menschen nach einer Gemeinschaft der wir uns zugehörig fühlen können und es kann für persönliches Wohlbefinden sorgen, wenn man sich in dieser Gruppe dann engagiert. Was natürlich auch mit Backen geht – auch ich habe unzählige Male Kuchen und herzhaftes Gebäck für Schulfeste produziert – und so bringt Helen Goh gerne den One-Penny-Cake von unten zu den Schulbasaren ihrer Söhne mit, backt Maisbrot für eine Spendenaktion oder lädt die Eltern der Klassenkameraden zum Tee ein serviert Madeleines mit Pistazie oder Granatapfel. Ihr merkt es – die Rezeptauswahl ist subjektiv, aber Helen Goh erzählt zu jedem Gebäck eine persönliche, einordnende Geschichte.
Ich sagte ja schon, dass die Rezepte sehr vielseitig sind – es gibt Süßes und Herzhaftes, schnell zusammengerührtes Gebäck und aufwändige Torten – kurz, es ist für jeden Anlaß und jede Lebenssituation etwas dabei. Die Rezepte haben alle einen persönlichen Twist – sie sind etwas Besonderes. So macht Helen Goh Ma’amoul mit Ananasfüllung, sie backt Babka in einer Gugelhupfform (das spart das Flechten) oder gibt Ingwer und Orange an ihre Florentiner. Gut gefällt mir auch die Verwendung von Zutaten asiatischer Herkunft wie bei den Grissini mit Shichimi Togarashi und Seetang oder bei den Crêpes mit Adzukibohnenpaste. Ob ich mich an die Brownies mit Nussbutter und Durian wage, muss ich mir noch überlegen…
Die Rezepte sind präzise und gelingsicher formuliert. Immer gibt es auch zusätzliche Tipps zu Zutaten und/oder Zubereitung. Ich hatte nur einen Ausreisser, das waren die vegane Schoko-Chip-Cookies. Da hat wohl die von mir verwendete vegane Butter dafür gesorgt, dass ich blechgroße Cookies bekam.
Im Übrigen ist das ein Buch, in dem man gerne blättert: das Layout ist freundlich und übersichtlich und es gibt zu jedem Rezept ein hübsches, aber nicht zu verspieltes Foto. Die einleitenden Seiten für jedes Kapitel sind auf farbigem Papier gedruckt, das ist hübsch, aber in Verbindung mit dem Grau der Schrift je nach Licht leider etwas schwer lesbar. Und das Rezepte-Suchen nach dem Blättern wird erleichtert durch ein sehr ausführliches Register.

Die Chalah ist sehr einfach gehalten – ohne Ei und kaum gesüßt; so passt sie zu herzhaftem und süßen Frühstück oder auch zu einer Suppe.

Diesen Kuchen nennt Helen Goh ihren Lieblingsorangenkuchen – nachvollziehbarerweise. Basis ist ein Püree aus ganzen, gekochten Orangen, das nicht nur für richtig viel Geschmack sorgt, sondern auch dafür, dass der Kuchen saftig ist und sich gut hält. Zum Rezept geht es hier entlang.

Das fällt eigentlich in die Kategorie: Rezepte, von denen ich lieber nichts gewusst hätte. Die herzhaften Cookies mit Käse sind Chili Crisp sind buttrig, mürbe und voller Umami – und haben ein hohes Suchtpotential.

Der One-Penny-Cake oder Tottenham-Cake ist ein einfacher Vanille-Blechkuchen mit einem Zuckerguss – nicht nur zum Mitnehmen für Kuchenbuffets gut. Die rosa Farbe des Gusses beruht eigentlich auf TK-Maulbeeren; ich habe mir da mit Himbeeren beholfen.

In diesen (dank Tangzhong sehr fluffigen) Buns steckt eine Füllung auf der Basis von Garnelen, gewürzt mit Chili, Ingwer, Knoblauch und Tamarinde. Der Kontrast zwischen den weichen, leicht süßen Teighülle und dem würzigen Inneren macht großen Spaß.

Das ist eine Foccacia mit Kartoffeltopping. Die Foccacia hat es auch sonst in sich: es sind konfierter Knoblauch und geriebener Pecorino im Teig, das sorgt für ordentlich Würze und schmeckt nach mehr. Einziger Wermutstropfen: die Foccacia schmeckt wirklich nur frisch, das Kartoffeltopping wird recht schnell weich.

Der karamellisierte Zimt-Donut-Kuchen sieht unspektakulär aus, hat aber innere Werte: gegarte Kartoffeln machen den Teig super flauschig und das ist ein toller Konstrast zu dem Topping aus Zucker und Walnüssen, das eine karamellige Kruste bildet.
Fazit:
Wer gerne bäckt, ist hier richtig. Das Buch bietet eine riesige Auswahl an spannenden Rezepten für jeden Gusto und jeden Anlaß. Neulinge freuen sich über die klar strukturierten Rezepte und auch erfahrene Bäcker*innen finden ihre Herausforderung. Und weil Helen Goh zusätzlich die Brücke zu psyochologischen Erkenntnissen schlägt, bekommt man auch noch Denkanstöße und Inspiration für den Alltag.
- Herausgeber: Dorling Kindersley Verlag
- Sprache: Deutsch
- Gebundene Ausgabe, 366 Seiten
- ISBN: 978-3831052707
- € 33,00

